Das Herz in der Brust

Der alte Mann schlürft über den Hof, schiebt den Riegel an der großen, morschen Tür des alten Kuhstalls zur Seite und lässt die Hühner herausschlüpfen.

„Diese Hühner!“, schimpft seine Frau. „Die scheißen alles voll und stinken tun sie auch!“ Die Frau, die mit ihrem Mann doch so viele Jahre lang Kühe und Schweine auf dem Hof hatte. Schweine, die noch mehr stanken.

Wenn der alte Mann mit seinem alten Mercedes fährt, schleicht er mit vierzig Stundenkilometern über die schmalen Straßen und lacht herzlich, wenn seine Frau von seinen Schleichfahrten spricht.

Er erzählt so gern. Von seinem Leben. Von den Dingen, über die er Bescheid weiß. Über seine Meinung.

Mittagessen gibt’s um halb zwölf. Gern vorher. Dann kann der alte Mann noch in die Kneipe im Nachbardorf fahren. Dort, wo sich die alteingesessenen Bauersleute zum Klönschnack treffen. Vorher fährt er aber mit dem Trecker noch die Laubhaufen zusammen. Schiebt alles an den hinteren Rand. Dort, wo das Mauerwerk schon langsam zerbröselt.

Als ich vor fünf Tagen wieder am Nachmittag bei den beiden auf der Eckbank in der Küche sitze, eingerahmt vom Kater Jakob und dem Cocker Spaniel Iron, erzählt die Frau, der alte Mann hätte am Morgen Schmerzen auf der Brust gehabt.

Ich schaue den alten Mann fragend an und er sagt: „Wenn ich gehe, dann bekomme ich nur noch schwer Luft“, und er legt seine Hand unterhalb des Halses auf seinen Brustkorb und fährt fort: „Hier“, sagt er. „Es fühlt sich an, als wäre die Luft abgeschnürt. Wenn ich sitze, ist alles wieder gut.“

„Setzt dich aufs Sofa“, rät seine Frau. „Höre Musik und ruhe dich aus.“

Als es am zweiten Tag nicht besser wird, spürt man die Angst des alten Mannes. Er macht sich viele Gedanken. Er spricht von Notarzt.

„Die nehmen dich doch nicht mit!“, meint seine Frau und schmunzelt. „Wenn man noch zum Auto gehen kann, dann werden die böse, weil man sie angerufen hat.“

Am dritten Tag fährt der alte Mann zu seinem Hausarzt. Herzrhythmusstörungen, stellt dieser fest und überweist den alten Mann zum Kardiologen. „Es besteht aber keine Eile“, beruhigt er den alten Mann, der trotzdem mit seiner Angst kämpft. Der alte Mann zeigt mir die Aufzeichnungen des EKGs.

Zurück in der Küche, spürt man beim Kaffeetrinken nachmittags seine Angst deutlich.

Der alte Mann wählt immer wieder die Telefonnummern etlicher Kardiologen, verstreut über die Dörfer und Kleinstädte. Eine Praxis erreicht er, bei den anderen ist immer nur besetzt oder niemand nimmt den Anruf entgegen.

Er bekommt einen Termin in vier Wochen.

Vier lange Wochen voller Angst. Die Worte des Hausarztes, es bestünde keine Eile, wirken nicht beruhigend.

Er bittet mich, ihm zu helfen. Helfen, indem ich schaue, wie ich andere Kardiologen doch noch erreichen kann. Ich gehe auf deren Internetseiten. Schreibe in Kontaktformulare. Eine Praxis reagiert ein paar Stunden später. Die Sprechstundenhilfe rät dem alten Mann den Notarzt anzurufen, denn auch dort bekäme er einen Termin erst in frühestens vier Wochen.

Am vierten Tag ruft der alte Mann doch morgens den Notarzt an. Er kann kaum noch selbst gehen. Bekommt kaum Luft, atmet schwer. Er kommt ins Krankenhaus in der Nachbarkleinstadt. Besucher sind zu dieser Zeit ja nicht gestattet. Seine Frau, darf nicht zu ihm. Ein Leben lang zusammengelebt und nun getrennt. Nur Telefonate sind erlaubt. Sie ruft ihn an, weil die Anrufe aus dem Krankenhaus ein Vermögen kosten. Ein Handy wollte er noch nie.

Abends steht eine Diagnose fest. Von Herzrhythmusstörungen spricht niemand mehr. Der alte Mann hatte einen Herzinfarkt. Der Hausarzt hatte das nicht einmal in Erwägung gezogen.

Was für ein Glück, dass der alte Mann sich für den Anruf beim Notarzt entschieden hat, auch wenn die unwirsch reagieren, wenn man selbst noch gehen kann.

Jetzt liegt der alte Mann im Krankenhaus und wir bangen alle mit. Stents zu setzen, wäre in seinem Alter sehr risikoreich. Er könne Tabletten bekommen, die allerdings auch nicht ohne wären. Sein Bettnachbar hatte Stents bekommen. Der Eingriff dauerte eine halbe Stunde, war problemlos und dem Mann ging es danach gut. Der Mann im Nachbarbett ist allerdings auch fünfundzwanzig Jahre jünger.

Der alte Mann will trotzdem auch solche Stents haben.

Heute Nachmittag sollte es gemacht werden … wir warten. Kommt er wieder? Wir werden Morgen mehr erfahren.

© Lilli Klar, Geschichtenweise, Schreibnische.blog

6 Kommentare zu „Das Herz in der Brust

    1. Ein wenig, weshalb ich noch nicht wieder dazu schrieb. Er hat den Eingriff überstanden, hat jetzt allerdings eine Entzündung, muss Antibiotika nehmen und müsste noch einen Eingriff bekommen, da etwas nicht ganz rund ist, wie es müsste. Nun muss erst die Entzündung wieder weichen… Wir bangen also weiter.
      Danke für Deine Zeilen.
      Liebe Grüße
      Lilli

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    1. Danke liebe Martha.
      Obwohl ich diesen Mann doch auch erst vor zwei Wochen wirklich anfing kennenzulernen, spüre ich doch, wie mir das ganz schön nah geht.
      Für weitere Hinweise ist es noch zu früh. Doch die ersten Nächte hat er einigermaßen gut überstanden. Es ist jedoch noch nicht vorbei.

      Gefällt 1 Person

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