Spätsommerzauber im September

An der Küste – totale Windstille. Kaum zu glauben. Die Sonne steht am wolkenlosen Himmel. Die See hat sich zurückgezogen. Hier und da ein Priel, sonst endlos viel Matsch. In der Ferne die immer bestehende Fahrrinne. Ein Schiff tuckert dort entlang. Die Sonne glitzert auf den Wasserflächen. Möwen ziehen kreischend ihre Kreise. Lachmöwen lachen, Silbermöwen starren uns bewegungslos an. Ihre Schnäbel sehen nicht besonders freundlich aus.

Vielleicht ist es ein Deich oder ein Stück davon. Ein Deich, der sich im Bogen ins Wasser zieht. In das gerade nicht vorhandene Wasser. Es ist Ebbe. Ein Deich voller Gras. Ein Ministück ist zur Sandkiste für Kinder umfunktioniert worden. Kurz an dem Steinwall, der den grünen Deich vom Seestück trennt. Eine metallische Treppe führt in den Bereich, in dem man baden kann, sobald die Flut eingesetzt hat und das Wasser mit Kraft zurückkehrt. Jetzt gehen ein paar Leute durch die Weite des Watts. Ganz hinten stehen welche am breiteren Priel.

Ein paar Strandkörbe vereinzelnd auf dem grünen Deich. Nur einer wurde angemietet. Eine junge Familie mit Kleinkind. Das Kind spielt hinter dem Strandkorb mit einer Schaufel, aber ohne Sand. Wir sitzen oberhalb des Deichs, hinter einem Zaun auf einer Bank und lassen unsere Blicke schweifen.

Keine Störgeräusche, stellen wir fest. Jedes Geräusch, egal wie weit entfernt es ist, können wir genau lokalisieren und auch erkennen.

Wir hören wie das Kleinkind mit seiner Schaufel im Eimer herumrührt. Die Familie ist sicher hundert Meter von uns entfernt. Wir hören auch die Stimmen der Menschen, die um die Sandkiste herumsitzen. Das ist noch weiter weg. Wenn wir uns darauf konzentrieren, können wir sogar heraushören, was gesprochen wird. Jedes Wort. Geheimnisse sollte man an diesem Ort nicht austauschen…

Dann die Menschen, ganz dahinten, an dem breiteren Priel. Vielleicht zweihundert Meter weit weg? Vielleicht sogar noch ein bisschen weiter? Auch deren Stimmen dringen bis zu uns rüber. Dann das tuckernde Motorengeräusch des Schiffes, das Kreischen der Möwen.

Wir schweigen. Betrachten das Gesamtbild. Das glitzernde Wasser. Die Sonnenstrahlen auf den Flächen. Die Sonne, die weiß erscheint, nicht gelb, so wie wir es als Kinder auf unsere Bilder malten. Dazu ist noch so seltsam grell. Die grüne Wiese – oder besser, der grüne Deich. Ein paar Strandkörbe, wenige Menschen. In der Ferne viel zu viele Windkrafträder. Schön ist etwas anderes. Heute gibt es nur Geisterstrom. Kein Windkraftrad, das sich dreht.

Wir bleiben noch eine Weile auf der Bank sitzen. Es ist heiß. Nicht ein einziger Windhauch, der von der Seeseite zu uns weht. Alles ist in Stille eingetaucht. In diese absolute Stille. Der eigene Atem erscheint in diesem Augenblick laut. Diese Stille hüllt uns ganz sanft ein und streichelt unsere Seelen.

In der Zeit, in der ich hier nun schon lebe, habe ich häufiger dieses Gefühl von Demut und Dankbarkeit verspürt, als in all den vielen Jahren zuvor. Die Natur zeigt sich von ihrer wundervollen Seite. Nichts, was von ihr ablenken könnte. Nicht in der Fülle, wie in den Städten. Man lernt hier ganz schnell Bescheidenheit, Genügsamkeit. Man lernt es sogar zu lieben.

Die Natur mit ihren wunderschönen Schauspielen. Die Vielfalt am Himmel – Wolkenformationen, ein Sternenhimmel samt Milchstraße und unendliche Weite. Dann die Felder, die Wiesen und Äcker. Das Brachland, die Marsch und die Geest. Überall Gräben und Sielzüge. Der Strand mit dem Watt, den Prielen und Wattwürmern, Krebsen, Muscheln. Ja, die Nordsee, mit ihrer fantastischen Pflanzenwelt. Dem Wind in allen Formen und diese Menschen hier. Nicht zu vergessen die unvergleichliche Tierwelt. Störche, Fasane, Graureiher, Silberreiher, Wildgänse, Stare, Spatzen (Sperlinge), Meisen, Amseln, Finken, Schwäne, Stockenten, Rotkehlchen, Krähen, Raben und so, so, so viele mehr. Dazwischen die Schafe, die Kühe, Pferde, Rehe, Hasen, Kaninchen, Eichhörnchen, Füchse, Seehunde… Ich kann es gar nicht alles aufzählen.

Dazu die Geräusche des Sturms, der Wellenschlag, das Plätschern von Wasser, das Rascheln im Laub. Da sind die Töne und Klänge der Vögel und der Tierwelt sowieso. Da hörst du, wie der Apfel vom Baum fällt und die Birne im weichen Gras landet. Du hörst das Knacken von Holz und den Trecker, der übers Feld fährt – auch die ganze Nacht hindurch – wie ein sanftes Brummen von irgendwoher.

Der Blick bis in die weite Ferne. Wenn der morgendliche Nebel über die Felder wabert und du den Himmel nicht mehr von der Erde unterscheiden kannst. Dann später, wenn die Sonne sich milchig durch den Nebeldickicht drängt und du deinen Blick über die unendlich erscheinenden Felder und Wiesen wandern lässt. Wenn der Nachbar vorbeikommt und dich mit einem „Moin.“ begrüßt.  

Ja, die Menschen hier sind anders. Knurriger. Wie eine alte Eiche vielleicht. Hier wird nicht unbedingt viel gesprochen, meint man, im ersten Augenblick. Man täte gut daran, den zweiten und auch den dritten Augenblick abzuwarten. Doch das Wesentliche, das reicht häufig. Man kennt sich. Man hilft sich. Dorfleben halt.

„Es ist nicht überall hier so“, hat man mir erzählt. „Es gibt auch Dörfer, da läuft es anders.“ Wir haben uns eines der Dörfer ausgesucht, wo es genauso läuft, wie wir es gernhaben wollen.

© Geschichtenweise, schreibnische.blog

10 Kommentare zu „Spätsommerzauber im September

  1. Ein schöner Text, vielen Dank.
    Mir stehen die Bilder der Möwen vor Augen und die der Priele und des Deichs. Deine Wortbilder bewirken, dass ich mich an meinen letzten Nordseeurlaub erinnere (das ist annähernd zwanzig Jahre her) und Bilder von dort bei mir auftauchen.
    Das tut gut.
    Liebe Grüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

    1. Hm, ich nehme das jetzt mal als Kompliment an – und danke Dir.

      Es war wirklich ein ganz zauberhafter Augenblick, dort oben zu sitzen und diese Stille zu fühlen … diese Stille, trotz der Geräusche.

      Ich freue mich natürlich, wenn mir jemand schreibt, ob ich das so rübergebracht habe – oder ob da doch auch „Lücken im Fühlen“ offengeblieben sind.

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