Herbstliche Septembermomente

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen;
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmen Golde fliesen.

(Eduard Mörike (1804-1875), deutscher Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Pfarrer) Quelle: Wikipedia.

Hinten, am Horizont, da liegt eine dicke Dunstdecke über den Bäumen und taucht alles in ein helles, weißes Licht. Es ist irgendwann zwischen sechs und sieben Uhr in der Früh. Die sonst dunklen Bäume sehen aus, als hätte sie jemand mit weißer, wässriger Farbe übermalt. Davor weitausgestreckt die Felder und ab und zu einige Büsche und Bäume. Neben ein paar Bäumen spielen junge Rehe. Sie rennen und springen wie ausgelassene Kinder hin und her.

Es ist kühl und feucht geworden. Tautropfen funkeln in den ersten Sonnenstrahlen des Morgens, wie kleine Diamanten.

Die Haferfelder sind spät geerntet worden. Zuerst kam der Sturm, unter dem die Ähren sich mächtig bogen. Danach folgte der Regen. Die Pflanzen trieften und lagen teilweise plattgedrückt auf dem Boden. Die Bauern mussten besseres Wetter abwarten. Inzwischen ist der Hafer gedroschen, das Stroh gewendet und in Rundballen zusammengerollt. Einen Tag lang lagen die Ballen bis zum Horizont auf den Feldern im Sonnenlicht. Inzwischen sind es nur noch dunkle erdige Flächen, die einen Tag lang nach Gülle stanken.

Wendet man den Blick in die andere Richtung, sieht man eine Reihe hoher Bäume. Landebahnen für Stare. Scharenweise sitzen sie in den Wipfeln, wie hunderte von Perlenketten aneinandergereiht und sie tönen laut. Es klingt wie eine Mischung aus Vogelgezwitscher, Insektenschwärmen und plätschernder Bach. Plötzlich scheint ein Dirigent seinen Taktstock anzuheben und die Masse fliegt in die Höhe, einmal über die Wiesen hinweg, vollführt dabei einen kunstvollen wellenartigen Tanz, verdunkelt den Himmel, landet auf dem Boden, singt erneut, nur um sich dann, wieder schön harmonisch in die Luft zu erheben, erneut zu tanzen und sich wieder perlenkettenartig in den Wipfeln der Bäume niederzulassen, wo die Stare dann ihren Gesang fortführen. Auf der anderen Seite, dort wo die Rehe toben, erheben sich Scharen von Wildgänsen in die Luft, dem Himmel entgegen. Schön in Formationen fliegend und ihre ureigenen Melodien schnatternd, einer Symphonie gleich. Wie eine Ouvertüre, die den Herbst einläutet. Anschließend versammeln die Wildgänse sich lautstark auf den Wiesen hinter den Feldern. Im Dorf sind es die Krähen, die sich zusammenrotten und durch die Luft fliegen. Laut krächzend, den Herbst ankündigend, lassen sie sich überall nieder.

Es ist September. Herbstzeit. Noch zeigt sich der Herbst unentschlossen. Der Spätsommer sendet nach wie vor seine letzten Spuren und durchfließt, wie feine Fäden den beginnenden Herbst. Ab und zu wärmende Sonnenstrahlen, Sonnenblumen und blühende, süßlich duftende Blüten an den Heckenrosen, neben den dunkelorangen Hagebutten des Herbstes. Hier und da eine dicke, flauschige Hummel. Schmetterlinge, Libellen und die Stubenfliegen. Dann die vielen Spinnen und Schuster, die mit aller Macht in die Häuser drängen. Dorthin, wo es wärmer ist, als in den kälter werdenden Nächten.

In der herbstlichen Nacht erscheint das Mondlicht fahler, die Sterne kälter. Der Wind wird rauer, der Regen eisiger, die Tage kürzer und kürzer. Der Herbst rückt unaufhörlich dichter an uns heran. Er umgarnt uns. Er umwickelt uns, hüllt uns ein, wie unter einen trüben, nasskalten Mantel. Er sucht sich seinen Weg, spielt seine eigenen Melodien, erfüllt die Luft mit seinen typischen Düften. Da ist dann die Musik des Sturmes, wenn er um die Häuser treibt, die Schornsteine hinunter braust, wenn er jammert, klagt, und heult. Wenn er die Fensterläden zum Klappern bringt. Da ist auch die Musik des Windes, wenn er durch die Wipfel der Bäume fegt, das Laub zum Rascheln bringt und die Bäume sich ächzend unter ihm biegen. Nicht zu vergessen, der Geruch von Äpfeln und Birnen, von den ersten nassen Blättern, die schon auf dem Boden liegen und sich mit der vom Regen nassgewordenen Erde vermischen. Der Herbst, so ungestüm, launisch und unberechenbar. Wenn er seine Tränen weint und die ersten vor Kälte erstarrten Finger nach uns ausstreckt. Wo wir freudig die trockengelagerten Holzscheite nach innen tragen und den Heizofen damit befüllen, um dann später dem knackenden Holz und den knisternden Flammen zu lauschen und unsere erkalteten Finger der Hitze entgegenhalten.

Dabei kann der Herbst auch äußerst charmant sein, so freundlich und angenehm. Wenn er sein goldenes Laub luftig und locker über den Boden verteilt, die Sonnenstrahlen darin tanzen lässt, während wir lachend mit unseren Füßen hindurchstoben. Doch noch ist es nicht soweit. Noch sind die Blätter an Bäumen und Büschen zum größten Teil dunkelgrün. Es regnet sehr viel und stürmt häufig.

Der Herbst und seine Stimme – wenn wir ganz still sind und den Melodien lauschen, können wir sie hören. Die Stimme, die der Herbst durch die Bäume schickt, um die Häuser jagt oder sanft über den Rasen gleiten lässt.

Der Herbst schenkt uns die Ernte. Saftige Äpfel, süße Birnen, Zwetschgenmus, Sanddornmarmelade, Pflaumenkompott. Nicht zu vergessen der Fliederbeerensaft und der Hagebuttensirup. Der Mais ist um diese Jahreszeit noch nicht geerntet. Meterhoch ragen seine Stängel in die Höhe, die Kolben hängen versteckt in den Lieschblättern und an den Spitzen der Stängel wehen die vertrocknet wirkenden Fahnen im Wind.

Herbstzeit. Zeit der Innenschau. Rückbesinnung. Einkehr. Standortbestimmung. Kerzenlicht. Zeit für einen heißen Tee oder ein Glas roten Wein. Wein, der im Kerzenschein schimmert. Der Herbst ist die Zeit der verschlossenen Türen. Die Menschen, die eben noch lachend, luftig bekleidet und offen durch die Straßen liefen, bleiben plötzlich im Verborgenen. Die Kragen der Jacken und Mäntel werden hochgeklappt, die Mützen tief hinuntergezogen, häufig das Gesicht vom Schal umwickelt. Die Schritte werden schneller die Blicke sind nach unten gebeugt.

Der Herbst birgt auch etwas Tröstliches in sich. Er rückt näher heran, als die anderen Jahreszeiten. Er verschließt die Türen und hält sich doch noch einen Spalt geöffnet. Er trennt die Spreu vom Weizen. Er ist wie eine Offenbarung und eine Geschlossenheit. Er macht deutlich und er verdunkelt. Er trennt das Alte vom Neuen. Er ist wie eine Zwischenstufe – ein Abschluss und gleichzeitig öffnet er schon Türen für den Neubeginn. Doch dann irgendwann folgt erst einmal der Winter.

© Schreibnische.blog, Geschichtenweise

4 Kommentare zu „Herbstliche Septembermomente

    1. … und hier ziehen wieder die Gänse über mich hinweg, laut schnatternd … und unter den Bäumen, dort drüben, da schießen Schwalben wie Pfeile hin und her. Es stürmt ganz schön.

      Das Bloguniversum ist doch wunderschön. Danke für dein Dasein :-)

      Gefällt 1 Person

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