Auf Umwegen

Ich habe jetzt keine Zeit!“, brüllt Celine nicht besonders damenhaft über den Flur, während sie lediglich mit einem Handtuch um den Körper geschlungen in Richtung Celine-Zimmer flitzt. Merle schiebt ihren Kopf aus dem Merle-Zimmer und blickt Celine anerkennend pfeifend hinterher: „Eine reine Augenweide für jedes Männerauge.“ Celine dreht sich um, lässt einmal kurz das Handtuch herunter gleiten, wackelt mit dem Po hin und her und säuselt süffisant: „Dankeschön“. Dabei zieht sie das Handtuch wieder hoch und verschwindet blitzartig in ihrem Zimmer. „Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid!“, schreit Merle lachend hinter ihr her, „ich kann doch nicht verantworten, dass dein großes Date mit Justus ‚in die Hose geht‘!“ Es dauert keine drei Minuten, als Celine verzweifelt stöhnt: „Ich weiß nicht, was ich anziehen soll!“ Merle macht sich kopfschüttelnd und mit einem Lächeln auf den Lippen auf den Weg zu Celine; Liebe macht ja bekanntlich blind…

Doch dann folgt ein markerschütternder Schrei! Für den Bruchteil einer Sekunde scheint die Zeit still zu stehen; eben noch zwitschernde Vögel verstummen und Merle erstarrt zu einer Säule. Dann brüllt die Säule: „Celine!“, und springt in drei Sätzen zu ihrer Freundin, die schluchzend auf dem Boden sitzt und den linken Knöchel vom Fußgelenk umklammert. „Süße, was ist denn mit dir passiert?“ Erschrocken hockt sich Merle neben Celine und legt tröstend ihre Hand auf die Schulter der Freundin. Dann holt sie aus dem Badezimmer ein kaltes, nasses Tuch und kühlt den Knöchel damit.

Doch es nützt nichts. Die Schwellung wird immer dicker und die Schmerzen immer unerträglicher. „Es wird an einem anderen Tag ein noch viel schöneres Picknick geben, glaube mir“, versucht Merle die tränenüberströmte Celine zu trösten. Diese blickt mit einem gequälten Lächeln zurück; und sieht sich wieder mit Justus beim Picknick im Sonnenschein auf jener Wiese: „Ich hatte mich doch schon so sehr darauf gefreut, ihn wiederzusehen“, schnieft sie.
Merle betrachtet erst die Freundin und dann die hochhakigen Pumps, die wie achtlos auf dem Boden geworfen wirken. „Sollen wir die Übeltäter jetzt entsorgen?“, kann sie sich nicht verkneifen zu fragen. Celine verzieht ihr Gesicht zum Grinsen: „Blöde Kuh!“, schmeißt sie Merle an den Kopf, „gib mir mal das Telefon.“

„Hallo, Justus“, kurzes Schweigen. „Es tut mir leid, aber ich muss dir absagen.“… „Ich bin umgeknickt und der Knöchel wird immer dicker und es tut wahnsinnig weh.“… „Nein, ich denke wir fahren gleich in die Klinik.“… „Klar, ich melde mich bei dir, sobald ich zurück bin.“ Ein etwas längeres Schweigen. „Wir fahren in die Notaufnahme vom Krankenhaus.“ … „Ciao.“

Eine halbe Stunde später sitzen Celine und Merle auf unbequemen Stühlen in einem trostlosen Flur, beleuchtet von alten kahlen Neonleuchten und warten. „Wieso flüstern hier eigentlich immer alle?“, zischelt Merle leise. „Weiß ich auch nicht so genau“, raunt Celine zurück. Sie schweigen beide. Nur das Ticken der Ziffernblätter an der Uhr über der Tür, durch die sie hoffentlich bald durchgehen würden, durchbricht die Stille. Irgendwo öffnet sich eine andere Tür und wird im nächsten Augenblick wieder zugeknallt. Merle kann sich ein lautes und genussvolles Gähnen nicht verkneifen. „Nimm die Hand vor den Mund!“, weist Celine sie trotz Schmerzen zurecht. – Merle zählt die Flecken an der Wand.

Endlich öffnet sich die besagte Tür und Celine humpelt in den Behandlungsraum. Merle hilft ihr dabei.

„Komm, du Humpelliese“, witzelt Merle, als sie den Behandlungsraum wieder verlassen. Celine bleibt wie angewurzelt stehen und Merle kann nicht ganz nachvollziehen, was an ihrer Äußerung jetzt so schlimm gewesen sein soll. Da vernimmt sie eine männliche Stimme: „Ich dachte, ich mache das Warten hier ein wenig erträglicher“.

Justus; – da steht er mitten auf dem Flur und strahlt die beiden an. In einer Hand hält er eine Flasche Sekt hoch in die Luft und in der anderen balanciert er mit drei passenden Gläsern. „Aber ich bin wohl zu spät“, gibt er breit lächelnd und augenzwinkernd zum Besten.

Eine halbe Stunde später sitzen die Drei zusammen im Celine-Merle-Wohnzimmer und genießen gemeinsam jene prickelnde Flüssigkeit, als Celine ihre Freundin fragt: „Merle, weißt du noch? Kurz bevor ich umgeknickt bin, da wolltest du was von mir, was war das?“

© Geschichtenweise, schreibnische.blog

8 Kommentare zu „Auf Umwegen

        1. Zwischenwelt = Phantasie = Fiktion = vielleicht auch irgendwann und irgendwo Wirklichkeit?

          Entstehen die wahr gewordenen Wunder nicht oft erst einmal in der Phantasie? Als Fiktion? Als Idee?

          Ich finde die Vorstellung spannend. Irgendwie eine Gradwanderung. Spannend, halt.

          Gefällt 1 Person

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