Liebling, lass den Vogel los

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.

Der Blick des Mannes wanderte vom Zug auf die Zigarette, die zwischen Mittel- und Zeigefinger klemmte. Finger, die leicht zitterten. Er inhalierte tief den Qualm, bis auch der letzte Winkel seiner Lunge damit angefüllt war. Während er den Rauch durch die Nase ausatmete, warf er den Zigarettenstummel auf den Bahnsteig und trat ihn mit der Ferse aus. Von den roten Schlusslichtern des davonfahrenden Zuges war nichts mehr zu erkennen. – Sie war fort.

Philipp zündete sich eine weitere Zigarette an, bevor er sich auf den Heimweg machte. Der stille und ruhige Weg am Waldrand war genau das, was er in diesem Moment brauchte. Sein Körper bebte, während er dort an einen Baum gelehnt eine Träne fortwischte. Der Wind rauschte durch das Blätterdach der Bäume und der Mond spendete mit seinem fahlen Licht ein wenig Helligkeit und Trost.

Nach einer Stunde schloss er die Haustür auf und betrat das Wohnzimmer. Er blickte auf seine Frau Katja, die auf dem Sofa saß: „Danke, dass ich sie alleine zum Bahnhof begleiten durfte“, sagte er leise. Katja schob das Buch auf ihrem Schoss zur Seite und lächelte ihn verständnisvoll an. „Sie fehlt mir jetzt schon“, sagte Philipp und lächelte gequält.

Katja stand auf und umarmte Philipp: „Ich liebe dich, von ganzem Herzen. Du bist der wundervollste Ehemann, den ich mir je hätte wünschen können“, hauchte sie ihm sanft ins Ohr.
Philipp wischte sich schniefend mit dem Ärmel kurz über das feuchte Gesicht.
„Sie ist nicht weg, weißt du“, fuhr Katja fort. „Sie hat einfach nur ihren Standort verändert. Es ist wichtig für sie, das zu tun.“ Katja wartete einen Augenblick und beobachtete Philipp. Würde er sich ein wenig entspannen?

„Stell dir vor, sie wäre ein bunter und schillernder Vogel, der die schönsten Melodien für dich pfeifen würde. Dieser Vogel fliegt frei durch die Luft und zwischendurch sitzt er immer wieder auf deiner Fensterbank. Hinter ihm das Grün der Bäume und die warmen Sonnenstrahlen. Er ruht sich bei dir aus, weil er sich wohl fühlt; du erlaubst ihm zu sein, wie er sein will. Er ist meistens dann da, wenn du gar nicht damit rechnest und dann singt er – nur für dich – eines seiner schönsten Lieder.“
Katja lächelte Philipp voller Wärme an: „Wenn du einen Vogel einsperrst, dann verliert er den Glanz seines Gefieders. Er ist, als würde er langsam sterben. Er kann und will dann auch nicht mehr singen. Lass den prächtigen Vogel los, damit er frei fliegen kann.“

Es entstand eine kurze Pause dann drückte Philipp Katja zärtlich an sich: „Und du bist das Beste und Schönste, was mir je begegnen und passieren konnte. Ich liebe dich so sehr“, sagte er und übersäte ihr Gesicht mit zärtlichen Küssen.
„Sie bleibt immer deine Tochter“, flüsterte Katja unter den Küssen. „Sie liebt dich; doch sie ist inzwischen erwachsen. Sie geht jetzt ihren eigenen Weg.“

Philipp stöhnte: „Ja, das weiß ich auch! Doch es fällt mir so schwer, das zu akzeptieren!“ Er blickte Katja nun direkt in die Augen, während er weitersprach: „Nicht mehr ihr Lachen hören. Nicht mehr ihr Singen unter der Dusche. Nicht mehr ihre Hand in meiner spüren. Nicht mehr ihre Fragen beantworten können. Nicht mehr für sie da sein können, wenn sie traurig ist. Nicht mehr ihren Wortschwall, der sich über mich ergießt.“ Er machte eine kurze Pause, als wolle er den gerade gesprochenen Worten nachspüren. „Es ging alles so schnell – all‘ die vielen Jahre!“ Er schluchzte und schwieg. Katja wartete geduldig.

Das ferne Klingeln eines Telefons ließ Philipp abrupt aufhören…

Gebannt horchte er auf. Sein ganzer Körper war angespannt, wie ein Flitzebogen. Sekunden später lief er über den Flur ins Zimmer seiner Tochter und griff nach dem Hörer – wo sollte der sich sonst befinden, während er sich die neuen Tränen aus dem Gesicht wischte.

„Papa? Ich bin’s, Dorothea. Kannst du mal nachsehen, ob ich meinen Ausweis auf dem Schreibtisch liegen gelassen habe? Und ich glaube, ich habe das Buch mit den Telefonnummern in der obersten Schublade von der Kommode vergessen. Ist Mama auch da?“
Von Philipp hörte man lange Zeit nichts – das stolze Lächeln, das sein Gesicht überzog, sprach eine eigene Sprache…

© Geschichtenweise, schreibnische.blog

3 Kommentare zu „Liebling, lass den Vogel los

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